Martelltal/Südtirol August 2021


Vom Wolf verfolgt ???


Es zog uns schon lange wieder in ein bestimmtes Tal, in der wir zu Dritt so manche große und spannende Abenteuer erlebt hatten. Eisige Flanken und heftige Sturmböen im Winter brachten uns vor einigen Jahren so manches Mal an unsere Grenzen in derer wir sogar einmal in ein waghalsiges Manöver geraten waren. David war damals in der Blüte seiner Kräfte, seine Muskeln protzen nur so nach Energie und Kraft, und sein Durst nach Wissen und Herausforderung im schwierigem Gelände war nicht zu stillen... 

Wir kurvten die steilen und kurz angelegten Serpentinen mit unserem Camper "Bulbus" nach oben, bis wir oben am Talschluss auf 2000m ankamen. Noch vor einigen Jahren waren wir so stolz gewesen, in unserem Renault Kangu mit einem extra von einem Schreinermeister hineingebautes Bett unterwegs sein zu können und so viel "Luxus" genießen zu dürfen. Jetzt, nach drei Jahren im Besitz unseres unersetzbaren "Bulbus" ist es schier unvorstellbar, wie wir zu Dritt in dicken Schlafsäcken, Rucksäcken, Proviant und dem ganzen Krusch und den vielen Ausrüstungsgegenständen unterwegs, geschweige denn in so einem PKW nächtigen konnten?!?

Nach einer kleinen Erkundungstour oder Eingehtour wie wir sie nannten, war ich überglücklich, die Gletscher und die mächtigen Gipfel des Cevedale, der Zufallspitze, und dem Monte Pasquale endlich wieder so nah sehen zu dürfen. 
Ich hatte die Tage zuvor viel zu kämpfen, konnte ich mich doch kaum bewegen, und die Schmerzen zwangen mich wieder einmal mich wie eine Schnecke zu bewegen. Doch ich hatte nur ein Ziel vor Augen:
Die Gletscher des Cevedale wie auch diesen Gipfel endlich wieder zu sehen, an dem wir Drei im Winter so ungeheuer viele Abenteuer und ein waghalsiges Manöver gestartet hatten. Und allein diese Tatsache gab mir wie so oft die Stärke aufzustehen und weiterzugehen. Der Cevedale mit seinen 3779m ist "nur" ein 3000-er, zwischen unseren vielen 4000-er Gipfeln die wir zu Dritt mit David erreicht hatten. Doch zugegeben liegt er bei mir trotzdem auf der Liste meiner Lieblingsgipfel. Vielleicht auch deshalb, weil er so ein wunderschönes Gletscherkleid trägt, dass ihn ummantelt. 

Am nächsten Morgen starteten wir wie gewohnt in morgendlicher Frühe. Um kurz vor 4 Uhr gingen wir im Schein der Stirnlampen los, und wir entfernten uns von unserem Stellplatz, als ich nur kurz nach ein paar Minuten zusammenschreckte und sogar mit meinem halbtauben Gehör ein ungewöhnliches Krachen vernahm. Einen kurzen Moment später, nachdem wir mit unseren Stirnlampen den Abgrund neben uns erkundet hatten und nichts erblicken konnten, hörte nun Paul eben dieses selbe Krachen erneut.
Wir sahen nichts, auch unser David hatte von all dem keine Notiz genommen, und so marschierten wir steil aufwärts in der tiefen Dunkelheit. 
Es war dunkel. Es war stockdunkel, denn wir hatten Neumond. Die Sterne waren so zahlreich am Himmel und sie funkelten so wunderschön, als wir die Baumgrenze verlassen hatten. Nicht mal den tosenden Bach links von uns konnten wir ausmachen. Es war einfach nur stockdunkel.

Wir stiegen leicht aufwärts in der Konstellation wir wir es eh und je getan hatten und jeder von uns hing seinen Gedanken hinterher. David ging ein paar Schritte vor mir als erster, dann folgte ich, und schließlich bildete Paul den Schluss unserer Truppe.
Es waren ca. 30-40 Minuten vergangen, als  schräg vor uns linker Hand plötzlich zwei große leuchtende Augen im Schein der Stirnlampe aufleuchtenden. Es war nichts ungewöhnliches Nachts Tieren zu begegnen, und ihre Augen funkeln zu sehen. Es waren bisher immer kleine Augen gewesen, die auch im selben Moment in der Dunkelheit wieder verschwanden.
Doch diese Augen waren anders. Sie waren groß und sie waren auf uns gerichtet und sie wichen nicht, sondern blieben im Lichtkegel hängen.
"Da sind zwei Augen!" rief ich etwas verunsichert zu Paul. Auch er hatte die Augen entdeckt und leuchtete hinüber. Für einen kurzen Moment verschwanden diese mysteriöse Augen hinter einem großen Stein, und kamen zwei Sekunden später wieder zum Vorschein. David hatte weder etwas bemerkt noch hatte er eine Witterung aufgenommen. Wir stiegen weiter aufwärts während wir um uns die Gegend ausleuchteten. Die Augen verschwanden nicht. Sie blieben da. Sie blieben auf uns gerichtet. Zwei große leuchtende Augen.
Wir sprachen nichts, sondern gingen stetig weiter unseren Schritt, bis ich plötzlich nach hinten leuchtete und bemerkte, dass diese zwei leuchtenden Augen immer näher kamen. Sie waren nicht mehr links vom Bach, sie waren nun auf unserer Seite und kamen schnell näher. 
"Der verfolgt uns!" kam es entgeistert aus mir heraus. Nun war die Ernsthaftigkeit unserer Lage auch Paul bewusst, und er begann die zwei Augen mit seiner Stirnlampe nicht zu verlieren und leuchtete schlichtweg direkt hin. Das seltsame Tier war ca. 30m von uns entfernt, und verfolgte uns ungefähr eine Minute lange parallel zu uns, während wir weiter langsam hochstiegen. 
Für einen kurzen Moment malte ich mir das Szenario aus, wenn plötzlich mehr leuchtende Augen um uns erscheinen würden. Doch dieser Gedanke blühte nicht lange, denn so wie die zwei Augen aufgetaucht waren, verschwanden sie nach dieser "kurzen" Verfolgung auch im nichts. Ich hatte einen größeren Körper ausmachen können, doch für einen Bären war er klein. Auch ein Fuchs konnte es nichts gewesen sein. Wir waren oft Füchsen in der Nacht begegnet, doch derer Augen waren immer viel kleiner gewesen, und sie verschwanden auch in dem selben Moment wo sie entdeckt wurden. Es blieb uns nichts anderes zu behaupten, dass es ein Wolf gewesen sein musste. Wir können nicht sagen, ob wir weiter verfolgt wurden oder nicht. Wir leuchteten noch die nächste halbe Stunde ziemlich nervös die Gegend um uns mit unseren Stirnlampen aus, doch die zwei Augen waren "verschwunden". 

Irgendwann vergaß ich ganz ehrlich gesagt diese mysteriöse Begegnung und war stattdessen völlig mit unserer Tour, dem Gehen und mit meinen Gedanken beschäftigt. Spätestens dann, als der Morgen dämmerte und wir einen wunderbaren intensiven Sonnenaufgang auf über 3000m erleben durften, war die ganze Angst vergessen. Um 7:15 Uhr erreichten wir den Gipfel auf 3422m, blieben wie gewohnt vier Stunden dort oben und konnten uns vor lauter Gletscher und der Schönheit der riesigen Gipfeln um uns herum, die uns reichlich viel Abenteuer zu dritt all die Jahre zuvor beschert hatten, nicht satt sehen. 
David, der nun fast 13 Jahre Bergerfahrung an seinen Labradorpfoten aufzeigen konnte, zeigte auch dieses mal, dass man nicht nur in jungen Jahren wahre Freude haben kann, und das die wahre Erfahrung am Berg sowieso nur mit der Zeit kommt! :-)

Zwei neue Touren durften wir an diesem verlängertem Wochenende gehen. Obwohl wir doch die Jahre zuvor schon so oft im Winter hier gewesen waren, war es ein Augenschmaus dieses Tal im Sommer sehen zu dürfen.

Tage später, als wir wieder Daheim waren, forschte ich nach der Tierwelt im Martelltal nach.
Ja, es gibt Wölfe, und ja es gibt Bären.
Es war Freitag, der 13.