Als David auf die Erde kam und mit mir die ersten Monate und das erste Jahr zusammen Schritt für Schritt verbrachte, waren es ausgesprochen aufregende, turbulente und ja fast rastlose Augenblicke, die unsere gemeinsamen Minuten, Stunden und Tage füllten.
Ich hatte erst einen Welpen, dann einen Jungjund an meiner Seite, der das Leben mit all seinen Facetten auskosten wollte. Jede Sekunde. Ruhe oder stille Momente standen Anfangs weniger an der Tagesordnung.
Wir wuchsen immer mehr zusammen, und mit jedem gemeinsamen Schritt den wir gemeinsam taten, lernten wir die Sprache des Anderen zu verstehen und zu deuten. Unsere Herzen schlugen nach einiger Zeit im selben Rhythmus, und unsere Gedanken flogen gemeinsam mit dem Wind. Heute, nach 12 Jahren, ist es egal wie stark die Böen sind und die Kompassnadel sich dadurch nur noch planlos und wild im Kreise dreht. Unseren Bann der Liebe, der Freundschaft und des Vertrauens zueinander konnte, kann und wird Niemand und keine Macht auf Erden jemals zerstören.
Wir waren wahre Freunde geworden. Für immer. 
Wir konnten uns gegenseitig vertrauen. Für immer.
Wir ließen den Anderen nie im Stich. Für immer.
Wir hatten unsere Herzen gegenseitig ausgetauscht. Für immer. 

Wir waren für den Anderen da. Im Alter und in Krankheit. Für immer.

Gibt es etwas aufrichtigereres als die ewige Liebe eines Vierbeiners?
Gibt es etwas Bedeutsameres als durch die Augen eines Vierbeiners verstehen zu lernen, dass der Mensch nur ein winziger Teil eines riesigen Puzzles hier auf Erden ist?
 

                                             ...doch leider gibt es auch die andere Seite...

Mit gebrochenem Herzen, voller Trauer, ohne Zuversicht, fragend, mit tränenden Augen und am Boden zerstört warten so viele Pfoten ewig auf ihre Menschen. Kalt und ohne Skrupel wie eine alte löchrige Socke wurden sie eines Tages weggeworfen, abgeschoben, abgegeben... 
Obwohl sie nicht wissen, dass sie für ewig von ihren einstigen "Freunden" und "Familien" entfernt wurden und niemals wieder zurückgeholt werden, warten sie dennoch ungebrochen auf den Augenblick, wo ihre durch Tränen durchnässte Decke eines Tages doch wieder mit warmer Liebe ausgelegt wird. 
Sie warten... Sie warten lange... Sie warten ewig mit einer ungebrochenen Ausdauer und Hoffnung auf die Rückkehr ihrer Menschen. Doch sie werden nie wieder zurückkommen. Nie.
Die Pfoten werden älter, und weißes Haar wird um ihre Augen und der Nase in den Vordergrund treten. Die einst tapsigen und tobenden Pfoten werden gebrächlich, und so wie die Zeit nie wieder zurückgeht, genauso hinterlässt dieses gnadenlose Element mit jedem neuen Tag die Spuren der Vergänglichkeit auch an ihren Körpern, Seelen und in ihren Herzen. Und sie werden trotzdem immer noch warten. Ein Leben lang und darüber hinaus.

Es ist die Zeit der Jugend, des perfekten Körpers, der strahlenden Augen, die Kraft des Tuns, ewige Gesundheit und die Leichtigkeit der Oberflächlichkeit... die bei den Menschen so beliebt ist, und die für viele junge im Stich gelassener Vierbeiner der Schlüssel zu einer Familie wird.
Die Jugend und die gute Gesundheit überschattet die Weisheit der alten Vierbeinerherzen und lässt sie für ewig einsam und alleine mit einem Namen ohne Bedeutung und ihren wunderbaren Herzen auf ihren zuerkannten Decken in den Tierheimen liegen, und eines Tages alleine über die Regenbogenbrücke gehen... ...in voller Erwartung, dort drüben wieder ihren Menschen zu begegnen...

Es bricht mir das Herz und schmerzt so unerbittlich bei diesem Gedanken. 
Ich wünschte mir, ich könnte alle Herzen retten, und ihnen ein immerwährendes Zuhause, sowie Liebe, Geborgenheit und Vertrauen geben. Doch leider kann ich sie nicht alle retten. Aber ich bzw. wir geben unseren Teil dazu, die strömenden Flüsse der zahlreichen Tränen dieser vergessenen Herzen wenigstens zu einem kleinen Bach versiegeln zu lassen, um sie eines Tages wieder lachen zu sehen.

Ich versuche mit meiner Arbeit die vergessenen Augen dieser Pfoten wieder strahlend zu machen, die Menschen mit meinen Bildern dieser alten und kranken Hundeseeelen sehend zu machen und sie sensibel darauf zu machen, dass das Ende, die Zeit und das Alter eine wunderbare Epoche hier auf Erden ist. Der Anfang einer erfüllenden Ära wird am geglaubten Ende beginnen...

Wehe dem Menschen, wenn nur ein einziges Tier im Weltgericht sitzt.

(Christian Morgenstern)